23. Oktober 2014 • News

„Ich habe keine Sekunde Angst gehabt“

Stefan ist HIV-positiv, Jeff ist HIV-negativ. Die beiden sind seit drei Jahren ein Paar. Angst, dass Jeff sich infizieren könnte, hat bei ihnen nie eine Rolle gespielt, denn sie wissen: Es kann nichts passieren.

Stefan (42) wohnt in Saarbrücken und arbeitet als Wirtschaftsjournalist. Jeff (25) studiert Soziologie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Trier. Kennen gelernt haben die beiden sich über das schwule Dating-Portal Gay-Romeo.

Jeff, wie hast du erfahren, dass Stefan HIV-positiv ist?

Jeff: Gleich zu Beginn, als wir noch gar nicht zusammen waren. Ich war beeindruckt, wie offen Stefan in seinem Profil bei GayRomeo damit umging. Ich hatte damals angefangen, in der HIV-Prävention zu arbeiten, kannte aber keinen Positiven. Also schrieb ich ihn an. Dabei war ich erst mal gar nicht so interessiert an ihm als Person.

Stefan: Wir haben uns ab und zu geschrieben und irgendwann trafen wir uns. Es war ein ganz langsamer Einstieg, mit langem Kennenlernen. Fast ein bisschen klassisch (lacht).

Warst du immer so offen mit deiner Infektion?

Stefan: Ich wurde 2010 positiv getestet und habe binnen weniger Stunden angefangen, den Menschen in meinem Umfeld davon zu erzählen. Auch auf GayRomeo habe ich es offen gesagt. Es gab für mich keinen Grund, mich zu verstecken. Bis heute bekomme ich fast ausschließlich sehr positive Rückmeldungen, vor allem von Leuten, die negativ sind.

Jeff, hattest du beim ersten Kuss, beim ersten Sex Angst, dass du dich anstecken könntest?

Jeff: Nein, das war nie ein Thema. Ich habe keine Sekunde daran gedacht.

Das ist aber ungewöhnlich! Du hattest wirklich kein bisschen Angst und nicht den leisesten Zweifel?

Jeff: Bevor ich Stefan kennen gelernt habe, hatte ich schon etliche Männer geküsst und hatte Sex mit ihnen. Von denen waren sicher auch einige positiv. Manche haben es vielleicht selbst nicht gewusst. Und ich habe mich nicht angesteckt, denn wir haben Kondome benutzt.

Aber bei Stefan wusstest du es.

Jeff: Ja, und deswegen haben wir die ersten zwei, drei Male ein Kondom genommen.

Und dann nicht mehr?

Jeff: Das ist nicht nötig. Seine HIV-Therapie schützt mich vor der Übertragung. Wenn die Medikamente gut wirken, wird HIV an der Vermehrung gehindert, eine Übertragung ist dann nicht mehr möglich. Die Möglichkeit „Schutz durch Therapie“ zu praktizieren, war damals noch sehr neu. Ich weiß auch, dass ich da vielleicht eine Ausnahme bin, aber ich konnte die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt verinnerlichen.

Auch beim ersten Mal hattest du überhaupt keine Angst?

Jeff: Im Gegenteil, mein Gefühl war: Toll, dass es heute möglich ist, mit meinem Partner auf Kondome zu verzichten. Wobei die Medikamente natürlich nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Mit Stefan hatte ich nie ein mulmiges Gefühl und habe mich immer sicher gefühlt.

Trotzdem habt ihr am Anfang Kondome verwendet …

Stefan: Ich hatte mit der Therapie begonnen, bevor ich Jeff kennen gelernt habe. Als nach wenigen Monaten kein HIV mehr in meinem Blut nachweisbar war, hatte ich mit meinem vorherigen Partner auch schon Sex ohne Kondom. Trotzdem: Mit Jeff wollte ich nicht gleich ohne Gummi schlafen. Er sollte seine eigene Entscheidung treffen. Wenn Jeff lieber Kondome nehmen würde, wäre das auch okay. Es ist ja kein großes Ding, eins zu benutzen. Mir persönlich macht es aber ohne mehr Spaß. Zu wissen, dass nichts passieren kann, ist für mich sehr angenehm und beruhigend.

Sind eure Familien und Freunde auch so entspannt?

Jeff: Für meine Eltern war es anfangs ein ganz neues Thema. Sie sind beide eher konservativ. Meine Mutter hatte anfangs auch Sorgen, weil sie wusste, dass wir das Kondom weglassen. Aber das hat sich mittlerweile aufgelöst. Sie und mein Vater unterstützen mich sehr, obwohl ich mit vielen Traditionen breche. Auch für Freunde, die mit dem Thema keine Berührungspunkte haben, ist „Schutz durch Therapie“ erstmal was ganz Neues.

Stefan: Oft sind irrationale Ängste im Spiel, wie beim Fliegen: Viele Leute haben Flugangst. Sie gehen aber furchtlos in Neapel über die Straße. Dabei ist das viel gefährlicher! Flugzeuge sind das sicherste Verkehrsmittel. Mit Fakten kann man Menschen die Angst nehmen: Zu Therapiebeginn hatte ich eine Viruslast von 90.000. Nach wenigen Monaten Therapie lag ich bei 40!

Die meisten Menschen brauchen Zeit, um solche Informationen zu verarbeiten. Es muss sich erst Vertrauen entwickeln.

Stefan: Klar. Ich kenne es auch von anderen Paaren, dass sie erstmal zögerlich sind. Aber wenn sich der Negative nach Jahren nicht angesteckt hat, überzeugt und beruhigt sie das.

Ihr führt eine offene Beziehung. Wie gehst du mit deiner HIV-Infektion um, wenn du andere Männer kennen lernst?

Stefan: Ich spreche das Thema immer an, ohne ein Drama draus zu machen. Eher so, wie ich auch sagen würde, dass ich Brillenträger bin. Die Situation „Ich will dich nicht, weil du positiv bist“ – die gab es bisher nicht.

Kommt immer darauf an, wie selbstbewusst man mit HIV umgeht, oder?

Stefan: Selbstverständlich. Ich bin genauso HIV-positiv wie mein Vater Diabetiker ist. Ein offener Umgang führt dazu, dass der andere sich auch traut, Fragen zu stellen. Wenn man ein Drama daraus macht, fragt er nicht.

Als Botschafter der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU redet Ihr viel über HIV. Ist es bei euch auch privat noch ein Thema?

Stefan: Nein. Es kommt vielleicht mal vor, dass ich Jeff von einer netten oder rührenden Nachricht erzähle, die ich bei GayRomeo bekomme. Aber davon abgesehen gibt es viele andere interessante Themen, über die wir sprechen.

Jeff: Grundsätzlich gilt aber: Es gibt im Zusammenhang mit HIV immer noch sehr viele Ängste, Tabus und Stigmatisierung. Man muss offen darüber reden. Offen und ohne zu urteilen. Viele Menschen haben immer noch Angst, sich überhaupt zu informieren.

Interview: Kriss Rudolph

Video mit Jeff und Stefan bei der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer