20. Dezember 2016 • News

Stell' dir vor, du bist HIV-positiv

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Gegen Diskriminierung sind wir alle. Aber wissen wir, wie sich Diskriminierung anfühlt? Eine Anleitung zum Nachempfinden.

 

Unsere Kampagne #positivzusammenleben neigt sich für dieses Jahr dem Ende entgegen. Unsere Protagonisten Alexandra, Björn und Wolfgang haben gezeigt: Mit HIV kann man leben, aber Diskriminierung kann einem das Leben verdammt schwer machen. Aber können das Menschen ohne HIV überhaupt nachvollziehen? Wir möchten dich kurz vor Weihnachten zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen.

Stell dir für einen Moment vor, du hättest vor kurzem erfahren, dass du HIV-positiv bist. Den ersten Schock hast du verdaut. Deiner Familie und einigen Freunden hast du erzählt, dass du dich infiziert hast. Mit den Medikamenten kommst du mittlerweile gut klar. Wonach du dich jetzt sehnst, ist die Rückkehr zum Alltag. Doch dann passiert folgendes:

  • Dein Zahnarzt schickt dich beim Routinecheck unverrichteter Dinge nach Hause, nachdem du von deiner HIV-Infektion erzählt hast. Du sollst einen neuen Termin am Ende der Sprechzeit ausmachen, weil  man nach deinem Besuch besonders gründlich sauber machen müsse.

  • Du erhältst Nachricht, dass aus dem neuen Job leider doch nichts wird. Auf Nachfrage beteuert der Personalleiter, mit dem HIV-Test bei der Einstellungsuntersuchung habe das nichts zu tun.

  • Nach einem Sportunfall landest du im Krankenhaus. Bei der Voruntersuchung entdeckst du, dass auf deiner Krankenakte in großen roten Buchstaben HIV steht. Dein Bettnachbar dürfte das auch gesehen haben. Die Krankenschwester weist dich an,  nicht die Toilette in deinem Zimmer sondern eine separate Toilette am Ende des Ganges zu benutzen.

  • In deiner Clique hat sich deine Infektion schneller rumgesprochen als dir lieb war. Ein Freund erzählt dir, dass manche der Ansicht sind, bei „deinem Lebenswandel“ sei es ja kein Wunder, dass du dich infiziert hast.

  • Du fährst dieses Weihnachten nicht nach Hause. Die unterschwelligen Vorwürfe deiner Familie beschäftigen dich. Du hast keine Lust, dir nochmal anzuhören, du hättest doch „besser aufpassen“ können.

  • Von einem normalen Alltag bist du nach alldem weit entfernt. Du bemerkst, dass du lieber dreimal überlegst, ob du jemandem von deiner HIV-Infektion erzählst. Deine Medikamentenpackungen packst du nicht ins Altpapier, sondern in den Hausmüll, damit die Nachbarn nichts mitbekommen.

  • Du fängst an, deine HIV-Infektion zu verstecken. Diskriminierende Erfahrungen wie diese erleben  die meisten Menschen mit HIV – obwohl keine der geschilderten Reaktionen berechtigt ist. Diskriminierung kann dabei massiv das Wohlbefinden beeinträchtigen – bis hin zu psychischen Erkrankungen.

Genug gehört? Dann schnippen wir jetzt mal mit den Fingern und beenden das Gedankenexperiment. Wir hoffen, dass dabei deutlich geworden ist: Über Diskriminierung zu sprechen heißt immer, über den Alltag und die Gefühle anderer Menschen zu sprechen. Daran sollten wir alle uns immer wieder erinnern – nicht nur wenn es um HIV geht.

Wir wollen aber auch die gute Nachricht nicht unter den Tisch fallen lassen: Menschen reagieren sehr verschieden auf HIV. Viele sind bereits solidarisch –  mit großer Selbstverständlichkeit. Sie wissen: Ängste und Abwehrreaktionen machen allen Beteiligten das Leben schwer – und sind vollkommen unnötig. HIV muss im Alltag kein Problem sein.

Dass diese Erkenntnis sich weiter durchsetzt – dafür treten wir ein mit unserer Kampagne #positivzusammenleben. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!