08. November 2016 • News

Infos gegen dumme Sprüche

#positivzusammenleben, Welt-Aids-Tag, HIV, Leben mit HIV, Björn

Björn, 39, hat sich vor sechs Jahren mit HIV infiziert, nachdem beim Sex ein Kondom gerissen war. Vom ersten Schock erholte er sich schnell. Als Aktivist macht er sich heute für Respekt gegenüber Menschen mit HIV stark. Björn lebt mit seinem Mann, der ebenfalls HIV-positiv ist, in Frankfurt am Main. Die beiden führen eine offene Beziehung.

Björn, auf deinem Plakat steht „Gegen HIV habe ich Medikamente. Gegen dumme Sprüche nicht.“ Was für Sprüche bekommst du denn so zu hören?

Das fängt an mit „Du bist ja schwul, du hättest es wissen müssen!“ und geht weiter mit „Bei so einem ausschweifenden Sexualleben ist es ja kein Wunder, dass du dich infiziert hast. Selbst schuld!“ Sowas kriege ich leider immer wieder mal reingedrückt.

Was macht das mit dir?

Ich ärgere mich und fühle mich abgestempelt. Das verletzt mich immer wieder. Ich kann damit umgehen, aber erst mal tut es weh.

Wie reagierst du auf solche Kommentare?

Grundsätzlich versuche ich immer, sachlich zu argumentieren und Vorurteile mit Informationen abzubauen. Und ich frage, wo meine Schuld liegen soll, wenn ein Kondom reißt. Dann dreht sich der Wind schnell: Ich werde als Opfer dargestellt und mein damaliger Sexpartner als Täter. Aber das mache ich nicht mit. Wir haben ein Kondom benutzt und es ist gerissen. Sowas kann einfach passieren. Niemand ist schuld.

Und wenn jemand mal kein Kondom benutzt hat? Viele Menschen können das nicht verstehen.

Ich halte überhaupt nichts davon, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen und zu sagen „Du bist schuld!“ Den anderen verantwortlich zu machen, wenn man sich infiziert hat, geht aus meiner Sicht gar nicht. Wir alle wissen was wir tun und sind für unser Handeln selbst verantwortlich. Zugleich ist es einfach menschlich Fehler zu machen, gerade beim Sex, wenn Leidenschaft im Spiel ist. Niemand infiziert sich mit Absicht. „Schuld“ ist da einfach eine völlig falsche Betrachtungsweise, die niemanden weiterbringt.

Das klingt alles recht abgeklärt. Wie hast du dich gefühlt, als du von deiner Diagnose erfahren hast?

Die Diagnose HIV war natürlich im ersten Moment ein Schock. Während ich auf das Testergebnis gewartet habe, kamen für einen Moment die ganzen alten Bilder von Krankheit und Tod hoch, obwohl ich wusste, dass sie nicht mehr zutreffen. Dann hatte ich damals den Wunsch Vater zu werden und meine Schwester war krank, sie brauchte eventuell eine Spenderniere. Ich dachte nur: Das geht dann alles nicht mehr, es darf nicht wahr sein!

Wie hast du den Schock verarbeitet?

Mit einer Flucht nach vorn. Ich habe über Chatplattformen Kontakt zu anderen Positiven aufgenommen. Ich hatte tausend Fragen: Worauf muss ich achten? Was sind die nächsten Schritte? Wie ist das mit den Medikamenten?

Und welche Antworten hast du bekommen?

Zunächst mal habe ich unheimlich viel Solidarität erfahren. Fast jeder hat mir angeboten, dass ich mit ihm telefonieren oder einen Kaffee trinken könnte, wenn ich Gesprächsbedarf habe. Das war eine großartige Sache, die mich sehr gestärkt hat. Auch auf die praktischen Fragen habe ich Antworten bekommen. Ich wollte zum Beispiel möglichst schnell in eine gute Arztpraxis, um meine Viruslast und die Zahl meiner Helferzellen bestimmen zu lassen …

… also die Laborwerte die zeigen, wie weit die HIV-Infektion schon fortgeschritten ist.

Richtig. Ich wollte einfach wissen, woran ich war. Und ich habe mich dann entschieden, sehr schnell mit der Therapie zu beginnen.

Heute wird empfohlen, möglichst bald nach der Diagnose zu starten. Damals hat man oft noch gewartet, bis die Zahl der Helferzellen deutlich sank. Warum hast du gleich begonnen?

Ich hatte bei der ersten Untersuchung etwa 850 Helferzellen, das ist ein Wert im Normalbereich. Aber warum sollte ich mein Immunsystem erst Schaden nehmen lassen, um es dann wieder aufzubauen? Ein weiterer Grund war: Ich wollte auf keinen Fall weiter infektiös sein. Dank der Therapie kann ich HIV nicht mehr weitergeben. Das ist beim Sex eine große Entlastung für mich.

Wie sieht deine Therapie heute aus?

Sehr einfach. Ich nehme eine Tablette am Tag, immer zum Abendessen. Mittlerweile ist das totale Routine, da denke ich überhaupt nicht mehr drüber nach. Mein Mann und ich haben es so eingerichtet, dass wir beide dasselbe Medikament nehmen. Da ich ein sehr spontaner Mensch und wahnsinnig viel unterwegs bin, habe ich fast immer eine Reserve-Tablette dabei. Wenn ich plötzlich auswärts essen will, ist das also kein Problem. Ehrlich gesagt, haben wir beide meist sogar zwei Tabletten dabei, falls der andere seine mal vergisst (lacht).

Leider wirkt die Tablette nicht gegen dumme Sprüche. Was würde denn helfen?

Zwei Dinge: Informationen und zeitgemäße Bilder vom Leben mit HIV. Ich finde es wirklich schade, dass in vielen Köpfen immer noch diese alten dramatischen Vorstellungen herrschen. Das Leben mit HIV hat sich so sehr verändert! Wir müssen zeigen, dass es keinen Grund gibt Angst vor Menschen mit HIV zu haben. Das ist dann viel leichter für alle!

In diesem Sinne: Wir danken dir sehr herzlich für dieses Gespräch!