24. November 2017 • Stories

Das Leben mit HIV und AIDS in Mosambik heute

Patientinnen mit ihren Kindern im Wartebereich des DREAM-Gesundheitszentrums in Beira, Mosambik. Foto: Ulrich Heide

Ein Gespräch mit Dr. Noorjehan Majid vom Hilfsprogramm DREAM

Mosambik ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Laut UNAIDS sind 12,3 % der erwachsenen Bevölkerung von Mosambik HIV-positiv. 2016 gab es dort 1,2 Millionen AIDS-Waisen und 200.000 Kinder mit HIV.

HIV-positiv zu sein ist in Mosambik ein viel größeres Problem als in Westeuropa oder in Deutschland. Wer auf dem Land lebt benötigt zur nächsten Gesundheitsstation oft eine Tagesreise. Auch das Verständnis von Krankheit ist in Mosambik anders als in Europa. Viele Menschen gehen lieber zu dem traditionellen Heiler ihres Dorfes als zum Arzt. Im Interview erzählt Dr. Noorjehan A. Majid von den Herausforderungen ihrer Arbeit als Ärztin im Hilfsprogramm DREAM. Das von der ökumenischen Gemeinschaft Sant’Egidio ins Leben gerufene Programm versorgt in zehn afrikanischen Ländern Menschen mit HIV/AIDS in Gesundheitszentren. Die Deutsche AIDS-Stiftung fördert seit 2005 drei der DREAM-Gesundheitszentren in den Städten Beira, Maputo und Matola. In diesen drei Zentren wurden bis zum Juni 2017 über 11.000 Patienten versorgt, darunter 1.300 Schwangere und Mütter sowie 1.100 Kinder. In den Zentren sind Medikamente, Untersuchungen, HIV-Tests und die Beratung grundsätzlich kostenlos.   

 

Dr. Majid, welches sind aktuell die größten Probleme Mosambiks bei HIV/AIDS?

Dr. Majid: Das größte Problem ist noch immer der Zugang zur Behandlung. In entlegenen, ländlichen Gebieten gibt es nur schlecht organisierte oder gar keine Gesundheitseinrichtungen. Gerade dort haben die Menschen aber auch ganz existenzielle Probleme, es mangelt ihnen an ausreichend Lebensmitteln und Trinkwasser.

 

Wie erleben Sie als Ärztin den persönlichen Umgang mit einer HIV-Infektion?

Dr. Majid: Viele HIV-Patienten kennen das westliche, naturwissenschaftliche Konzept einer chronischen Erkrankung nicht. Wenn es ihnen aufgrund der HIV-Infektion schlecht geht und vor allem, wenn sie von ihrer Diagnose erfahren, sind sie sehr betroffen. Sie fühlen sich krank und folgen streng allen Empfehlungen. Sobald sie sich wegen der Therapie besser fühlen, glauben sie, wieder gesund zu sein und nehmen ihre Medikamente nicht mehr. Wir müssen ihnen erklären, dass das Virus weiterhin in ihrem Körper ist und sie die Medikamente dauerhaft und regelmäßig nehmen müssen. Hinzu kommt, dass viele Menschen bei Erkrankungen neben dem Arzt zusätzlich zu traditionellen Heilern gehen, die ihnen raten, die Medikamente wegzulassen. Wir müssen die Menschen überzeugen, dass man HIV nicht mit traditioneller Magie heilen kann.

 

In Deutschland erfahren Menschen mit HIV oft immer noch Diskriminierung. Wie ist die Lage in Mosambik?

Dr. Majid: Diskriminierung ist überall zu beobachten. In Familien, in denen von HIV/AIDS bislang kein Familienmitglied betroffen war, beobachtet man häufiger diskriminierendes Verhalten als in Familien, in denen es bereits Verwandte gibt, die offen HIV-positiv leben. Die Akzeptanz ist groß bei Menschen, die selbst HIV-positiv sind oder die HIV-positive Eltern haben.

Allerdings lässt sich seit Jahren vor allem in den Stadtteilen, in denen DREAM aktiv ist, ein Rückgang der Diskriminierung beobachten. Dazu hat auch unser häuslicher Pflegedienst viel beigetragen. Wir bei DREAM waren die ersten, die HIV-positive Menschen geschult und in die Betreuung eingebunden haben. Diese Aktivistinnen haben das in der Öffentlichkeit vorherrschende negative Bild über HIV entscheidend verändert. Die Menschen fingen an zu verstehen, dass die Bilder über HIV und AIDS, in denen sie die Krankheit mit einem raschen Tod gleichsetzen, nichts mit der aktuellen Realität von HIV zu tun haben.


Wie ist in Mosambik der Zugang zu medizinischer Behandlung für HIV-positive Menschen organisiert?

Dr. Majid: Die meisten Menschen bevorzugen die Behandlung in den lokalen Gesundheitszentren. Dort treffen sie auf einen Arzt, der ihnen ihren Gesundheitszustand und ihren HIV-Status erklärt. Leider ist das zurzeit noch nicht landesweit möglich, da nicht alle Ärzte umfassend zu HIV und AIDS geschult sind. Zu DREAM kommen Patienten sogar aus unseren Nachbarländern, da sie gut organisierte Zentren bevorzugen, in denen sie alle Medikamente erhalten und die Untersuchungen regelmäßig angeboten werden und kostenlos sind.

Haben alle HIV-positiven Menschen in Mosambik Zugang zur Behandlung?

Dr. Majid: Aktuell sind nur etwa 60 Prozent aller HIV-Infizierten in Behandlung. Noch immer gibt es viele Patienten, die keinen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen haben, weil diese zu weit von ihrem Wohnort entfernt sind. Deswegen ist es wichtig, weitere Zentren einzurichten, um noch mehr Menschen in der Nähe ihres Wohnorts behandeln und unterstützen zu können. Manche Patienten sind kaum in der Lage zu gehen. Für eine bessere Betreuung und eine gute Rehabilitation bräuchten wir noch mehr Hauspflegepersonal. Hier können die Aktivistinnen von DREAM eine wichtige Schlüsselrolle übernehmen.

 

Was sind die wichtigsten Aufgaben bzw. die größten Herausforderungen im Bereich HIV/AIDS in Mosambik?

Dr. Majid: Die größte Herausforderung ist es, ausreichend Personal (Ärzte und Pflegekräfte) und ausreichend Ressourcen für Testungen, Labordiagnostik und Arzneimittel bereitzustellen. Genauso wichtig ist es Nahrungsmittel vorzuhalten, wenn Patienten sich nicht ausreichend ernähren können. Solange nicht all diese Ressourcen in einem Gesundheitszentrum zur Verfügung stehen, bleibt die umfassende Behandlung und Versorgung von Patienten unzureichend.

Die verbesserte Therapie hat die Lebenszeit unserer Patienten glücklicherweise stark verlängert. Diese Entwicklung stellt uns heute vor neue große Herausforderungen. Wir müssen die Früherkennung von Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Tuberkulose oder auch Krebs in Angriff nehmen, um unsere Patienten auch im höheren Alter gesund zu erhalten. DREAM begegnet diesen Herausforderungen und erweitert Schritt für Schritt das Spektrum der zu behandelnden Krankheiten von HIV/AIDS-Patienten. Diesem Ansatz haben wir den Namen „DREAM 2.0“ gegeben.

 

Frau Dr. Majid, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit – herzlichen Dank für das Gespräch.