01. November 2017 • Stories

„Die Leute denken immer, ich wäre Tom Hanks“

Christoph will, dass alle Menschen wissen: Er kann trotz HIV ein ganz normales Leben führen. Abgesehen davon, dass er manchmal Zurückweisung erlebt – was besonders schmerzt, wenn sie vom Traummann kommt. Da helfen nur Offenheit und Informationen. Und Christophs gute Laune.

Christoph, Party-Stimmung auf einem Plakat zum Thema HIV – ist das nicht verharmlosend? 

Nein, überhaupt nicht, das Bild zeigt einfach mein Leben. HIV ist kein Grund, nicht genauso zu leben, wie man das möchte und dabei auch jede Menge Spaß zu haben. HIV-Positive treffen sich mit Freunden, arbeiten, gehen feiern. Die Jungs auf dem Bild sind meine Freunde, und so wie man uns dort sieht, sind wir öfter unterwegs.

Deine Botschaft auf den Plakaten lautet: „Mit HIV kann ich leben. Weitersagen!“ Warum?

Wenn jeder jedem weitersagt, dass man mit HIV ein ganz normales Leben führen kann, wissen es bald alle und die Sache ist erledigt (lacht). Ich will, dass HIV kein Stigma mehr ist und dass Diskriminierung aufhört!

Hast du einen Alltag mit HIV oder einfach einen Alltag?

HIV kommt heute in meinem Leben nur vor, wenn ich morgens meine Tablette nehme, und wenn ich alle drei Monate zum Arzt gehe. Abgesehen davon, dass ich mich natürlich ehrenamtlich in der HIV-Arbeit engagiere. Aber dann denke ich eher an HIV allgemein, nicht an meine eigene Infektion. 

Aber es war nicht immer so einfach, oder?

Nein, der Anfang der Infektion verlief bei mir ungewöhnlich heftig. Ich hatte eine schwere Mandelentzündung, gegen die auch Antibiotika nicht halfen, konnte nicht mehr essen und nicht mehr trinken. Von meinen 120 Kilo waren am Ende nur noch 60 übrig und ich lag bewusstlos im Krankenhaus. Nach der HIV-Diagnose haben die Ärzte mich dann langsam wieder aufgepäppelt.

Hat die Diagnose dich geschockt?

Auch das war bei mir ungewöhnlich: Als ich wieder einigermaßen fit war und richtig darüber nachdenken konnte, hatte ich die Geschichte irgendwie schon verdaut. Ich bin aber auch generell ein Mensch, der Sachen akzeptiert, wie sie nun mal sind. 

HIV ist trotz aller Fortschritte noch eine ernstzunehmende chronische Infektion. Verdrängst du das vielleicht?

(überlegt kurz) Gute Frage. Glaube ich aber nicht.

Was nervt dich heute am meisten, wenn du mit Leuten über deine HIV-Infektion redest?

Die allgemeine Unwissenheit. Viele denken auch 2017 noch, HIV-Positive sind alle abgemagert, müssen 20 Tabletten am Tag nehmen und sterben demnächst – wie Tom Hanks in „Philadelphia“. Da hat Hollywood wirklich ganze Arbeit geleistet. Dass gerade dieser Film heute noch an jedem Welt-AIDS-Tag im Fernsehen läuft und diese völlig überholten Bilder reproduziert, hilft weder Positiven noch Negativen.

Was tut man am besten dagegen?

Reden! Deswegen sage ich Menschen immer, dass sie alles fragen dürfen. Die denken sonst, ich wäre Tom Hanks.

Hast du schon mal Diskriminierung erlebt?

Ich würde das eher Zurückweisung nennen. Das war ausgerechnet bei einem Mann, den ich sehr mochte. Alles lief super Richtung Beziehung. Dann habe ich ihm erzählt, dass ich positiv bin. Er hat mir dann gesagt: „Ich habe kein Problem mit dir und ich habe beim Sex keine Angst vor HIV. Aber ich könnte mit der permanenten Sorge um dich nicht umgehen. Gerade weil ich dich so sehr mag.“ 

Was hast du geantwortet?

„Lass uns doch erstmal ein paar Monate zusammen sein – was in fünf Jahren passiert, weiß sowieso keiner.“ Das hat aber nichts genützt. Was will man da machen? Ich weiß zwar sicher, dass ich nicht an HIV sterben werde. Aber wenn er das nicht auch glauben kann, dann geht’s halt nicht weiter. Das war schon schmerzhaft.

Ist das ein typischer Fall von Zurückweisung?

Nein, der Klassiker ist, dass Leute Angst haben, sich anzustecken. Sie haben Angst um ihr Leben. Dieser Mann hatte Angst um mein Leben. Es gibt aber auch wirklich noch Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie mit mir aus einem Glas trinken, dasselbe Besteck nehmen oder mir die Hand geben können. Die Angst vor der Infektion ist immer genauso groß wie die eigene Unwissenheit. 

Wie reagierst du?

Ich nehme das nicht persönlich, sondern versuche aufzuklären. Je mehr Leute sich in allen Lebensbereichen als positiv outen, desto eher wird eine Normalisierung stattfinden.  

Nehmen wir zum Beispiel den Arbeitsplatz. Bist du dort offen positiv?

Mittlerweile schon. Mein „offizielles“ Coming-out hatte ich 2015. Bis dahin wussten es nur Kollegen, mit denen ich auch befreundet bin und die Geschäftsleitung. Ich hatte aber die Schnauze voll davon, mir immer irgendeine Geschichte ausdenken zu müssen, wenn ich zum Arzt musste oder wenn ich freitags mit dem Koffer zur Arbeit kam, weil ich übers Wochenende zum Positiventreffen fuhr.

Wie hast du es denn dann mitgeteilt?

Ich war in der Vorbereitungsgruppe der Selbsthilfekonferenz „Positive Begegnungen“. Auf  der Facebook-Seite wurden wir alle nach und nach vorgestellt. Ich habe da mitgemacht und einen provokanten Text dazu geschrieben: „Wenn Dir das nicht passt, ist das dein Problem, nicht meins.“ Und habe das dann über Facebook geteilt.

Und, wie waren die Reaktionen?

Kollegen, die mich beschützen wollten, haben mich darauf hingewiesen, dass in der Kantine über mich getuschelt wurde. Ich habe dann eine E-Mail ans Kollegium geschrieben und angeboten, wenn jemand Fragen hätte, würde ich die gerne beantworten. Da kamen dann auch zwei, drei Leute. Die fanden gut, dass ich offen damit umging und haben mir Zuspruch gegeben. Und danach war Ruhe. 

Warum bist du eigentlich in der Selbsthilfe aktiv, wenn HIV für dich so wenig problematisch ist?

Weil ich damit anderen helfen kann, besser mit ihrer Infektion klarzukommen. Ich helfe aber auch mir selbst. Im Kontakt mit anderen Positiven tanke ich Selbstbewusstsein für den öffentlichen Umgang mit dem Thema.

Wie gehst du eigentlich heute beim Dating mit dem Thema um?

In meinem Profil beim Datingportal Gayromeo steht, dass ich positiv bin und dass HIV bei mir aufgrund der Therapie  nicht mehr nachweisbar ist. Das heißt auch, dass sich bei mir niemand mehr anstecken kann. Viele wissen das mittlerweile. Wenn sich jemand unsicher fühlt, nehmen wir dann eben Kondome. Das macht für mich nicht so den Unterschied. Sex mit Kondom ist auch super und schützt auch vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen.  

HIV im Jahr 2030 – was ist dein Traum?

Es wäre toll, wenn es  dann keinen Unterschied mehr macht, ob jemand positiv ist, oder nicht. Wenn jemand Diabetes hat und sich spritzen muss, regt sich ja heutzutage auch keiner mehr auf. Wenn wir mit HIV auch zu dieser Art von Selbstverständlichkeit kommen könnten, das würde mich sehr freuen.

Wir arbeiten dran. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Paul Schulz