03. November 2017 • Stories

„Rückgrat und Herz sind deine wichtigsten Körperteile“

Solidarität hat Lillians Leben gerettet und die Geburt ihrer Tochter ermöglicht. Nun gibt sie unermüdlich weiter, was sie bekommen hat. Kraft geben ihr dabei ihr Glaube und ihre offenes Herz.

Lillian, dein Gesicht bundesweit auf Plakaten zum Thema HIV – warum bist du dabei?

Man kann Dinge nur verändern, wenn man selbst bereit ist, dazu beizutragen. Ich will dabei helfen, dass Menschen wie ich besser leben können. Dass unser Leben nicht von der Infektion definiert wird. Ich bin noch so viel mehr als nur positiv: Mutter, Schwester und Tochter. Ich bin Ehefrau, eine gute Freundin für viele und ein Clown für Kinder. Und ich arbeite in meinem Job und in meinen Ehrenämtern 16 Stunden am Tag. Das geht bei vielen unter, wenn ich sage, „Ich bin HIV-positiv“.  

Du sprichst auf den Plakaten das Thema „Solidarität“ an. Was bedeutet es dir?

Sehr viel. Ich habe viel Solidarität erhalten hier in Deutschland. Ich war sehr krank und habe Medikamente bekommen, die mich gesund gemacht haben. Dafür bin ich dankbar und möchte jetzt weitergeben, was mir gegeben wurde. 

Woher nimmst du die Kraft für das alles?

Ich war schon als Kind so. Wir sind eine große Familie und jeder musste für den anderen da sein. Ich habe damals auch schon in meiner Kirchengemeinde gearbeitet und mich für andere eingesetzt.

Wie ging es dir denn, als du nach Deutschland kamst?

Sehr schlecht. Als ich in Halberstadt meinen Asylantrag gestellt habe, konnte ich plötzlich nicht mehr atmen und landete in der Notaufnahme. Im Krankenhaus kam heraus, dass ich nicht nur HIV hatte, sondern auch Tuberkulose. Außerdem war ich völlig unterernährt. Ich hatte nur noch sieben Helferzellen, es sah schlimm aus. Aber tief in mir drin habe ich gedacht: „Du lebst weiter.“

Wer hat dich damals noch unterstützt?

Als erstes eine Sozialarbeiterin. Als es mir wieder besser ging, wurde ich schwanger. Ein Arzt hatte mir dann gesagt, dass ich mein Baby wegen meiner gesundheitlichen Situation abtreiben müsste. Ich hatte aber schon einmal ein Kind verloren, mein Sohn war krank und ist gestorben. Ich habe gedacht: Das macht Gott nicht noch einmal. Also habe ich mich entschieden, das Kind zu bekommen. Das ging nur, weil eine Sozialarbeiterin mich jeden Monat zur Charité in Berlin begleitet hat. In Leipzig wollte niemand die Verantwortung für meine Schwangerschaft übernehmen. 

Und wie verlief die Geburt?

Meine Tochter wurde per Kaiserschnitt geboren und ist kerngesund. Heute ist sie 15 Jahre alt.

Was sagt sie denn dazu, dass du jetzt offen HIV-positiv auf Großplakaten zu sehen bist?

Meine Familie unterstützt mich. Mein Mann ist auch positiv und wir arbeiten beide im Saarland in der HIV-Selbsthilfe. Meine Tochter habe ich gefragt, ob das für sie in Ordnung ist, wenn ich auf Plakaten an jeder Bushaltestelle zu sehen bin und sie hat sofort gesagt: „Ja, klar!“ Sie weiß gut Bescheid und ist sehr selbstbewusst.

Hast du selbst Angst vor Anfeindungen?

Vielleicht wird es Leute geben, die negativ reagieren. Das Risiko muss ich eingehen. Die Veränderung, die ich bewirken kann, ist viel wichtiger. Ich selbst habe kein Problem mehr mit meiner HIV-Infektion. Aber ich kenne so viele Menschen, die noch Probleme haben. Sie bekommen keinen Termin beim Zahnarzt oder werden auf der Arbeit diskriminiert. Wir haben schon viel erreicht, müssen aber auch noch vieles besser machen.

Was nervt dich am meisten, wenn du mit Leuten über deine HIV-Infektion redest?

Genervt bin ich eigentlich nie. Aber oft überrascht von der Unwissenheit. Die Leute wissen immer noch nicht, dass HIV keine Krankheit ist, dass wir gut damit leben können, dass HIV unter die Therapie auch beim Sex nicht mehr übertragbar ist. Im Alltag ja sowieso nicht. 

Wie können wir das ändern?

Positive müssen die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte noch mehr nach außen tragen. Es gibt so viel Wunderbares: Positive Frauen können Kinder bekommen, mit negativen Partnern ein langes Leben leben, sich auf ihr Alter freuen. Wir müssen die alten Bilder zum Verschwinden bringen. Und wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen weltweit die Medikamente bekommen!

Hast du selbst schon mal Diskriminierung erfahren? 

Das ist schwierig zu sagen. Wenn ich diskriminiert werde, kann das ja aus allen möglichen Gründen passieren: weil ich eine Frau bin, weil ich eine person of colour bin, weil ich Migrantin bin, weil ich positiv bin. Es ist nicht so einfach zu sagen, welche Schublade da jetzt gerade am weitesten aufgegangen ist. 

Hast du mal Sprüche gehört wie „Natürlich hat die Frau aus Afrika HIV“?

Diese Haltung möchte ich niemandem unterstellen. Allerdings habe ich während der Ebola-Epidemie vor ein paar Jahren durch meine bloße Anwesenheit ganze Zugabteile geräumt. Die Leute hatten Angst, ich käme gerade direkt aus Afrika und würde sie anstecken. Das Problem: Ich hätte mich vielleicht auch weggesetzt, wenn ich andere Afrikaner gesehen hätte (lacht). Man muss also immer zuerst bei sich selbst anfangen.

Und was kann man dagegen tun?

Jeder positive Mensch kann bei sich anfangen. Wenn ich als Positive nicht offen und selbstbewusst auftrete, wie kann ich erwarten, dass andere Menschen souverän mit mir umgehen? Geduld ist auch wichtig. Wir haben alle einen Moment gebraucht, um mit unserer Infektion klarzukommen. Diese Zeit müssen wir auch anderen lassen. Um sich zu informieren, zu verstehen, zu verarbeiten. Dein Rückgrat und dein Herz sind dabei deine wichtigsten Körperteile. 

Du wirkst so, als würdest du komplett in dir ruhen. Wie kommt das?

Ich bin ein religiöser Mensch, wiedergeborene Christin. Gott ist immer bei mir. Mein Glaube bedeutet für mich auch, andere Menschen nicht zu verurteilen und als Sünder abzustempeln. Egal, ob jemand HIV-positiv, homosexuell oder heterosexuell ist. „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“ und „Leben und leben lassen“. Daran halte ich mich.

Interview: Paul Schulz