19. Dezember 2017 • Stories

„Sex funktioniert nicht immer nach Plan“

Max

„Selber schuld!“ oder „Wie kann man sich denn heute noch mit HIV infizieren?“ – solche Sprüche hören HIV-positive Menschen immer wieder. Max antwortet darauf sehr selbstbewusst – auch beim Dating. Er bekam sein Testergebnis schon mit 19.

21 Jahre alt und öffentlich HIV-positiv – du bist ganz schön mutig, oder?

Findest Du? Ich bin jetzt seit ungefähr einem Jahr offen positiv und bereue immer noch nicht, mich so geoutet zu haben, wie ich es getan habe.

Wie hast Du „es“ denn getan?

Auf der Plattform dbna.de für junge Schwule und Bisexuelle Da war ein guter Bericht über das Projekt Testhelden, das junge schwule Männer zum HIV-Test aufruft und ihnen die Angst vor dem Ergebnis nehmen will. Ich habe dem Autor eine Mail geschrieben, und er hat mich daraufhin gefragt, ob ich von meinen Erfahrungen als HIV-Positiver berichten würde, gerne auch anonym. Ich habe kurz überlegt und fand, dass es gar nicht anonym sein musste.

Und warum?

Weil bisher nur so wenige offen damit umgehen. Ich wusste von niemand, der sich je freiwillig als HIV-positiv geoutet hat. Das ist aber nichts, wofür ich mich schäme. Warum sollte ich also nicht öffentlich darüber reden und andere zum Nachdenken anregen? So wird das Thema „normaler“ und nimmt Menschen auch die Angst vor dem Leben mit HIV und dem Test.

Ist es dir schwergefallen, öffentlich darüber zu sprechen?

Nein, nicht wirklich. Bei Freunden und Bekannten hatte ich mich schon geoutet, deshalb fiel es mir nicht schwer. Es gab dann überwiegend positive Reaktionen. Mich haben ganz viele Jungs angeschrieben und gesagt, dass sie sich jetzt doch mal ernsthaft mit HIV auseinandersetzen wollen und zum Test gehen. Einige hatten aber auch Probleme damit. Die fanden, ich würde HIV verharmlosen und das Problem herunterspielen. Mit denen habe ich mich dann richtig auseinandergesetzt und viel mit ihnen geschrieben.

Worum ging es dabei?

Für mich wenig überraschend stellte sich heraus, dass sie keine Ahnung vom Leben mit HIV im Jahr 2017 hatten. Sie wussten nicht, dass es Medikamente gibt, die dazu führen, dass man HIV nicht mehr weitergeben kann. Ihnen war neu, dass ich nicht „krank“ bin, nur weil ich HIV habe, sondern dass ich als HIV-Positiver heute ein fast normales Leben führen kann. Deswegen hatten die ein Problem damit, als ich sagte: „Ich hab HIV, aber das ist kein großes Problem.“ 

Was würdest du heute Leuten antworten, die Dir sagen: „Selber schuld! Niemand muss sich 2017 noch mit HIV infizieren.“

Denen würde ich sagen: „Ja, da habt ihr wahrscheinlich recht.“

Findest Du die Aussage nicht verletzend?

Nicht direkt, nein. Aber ich finde sie ziemlich ignorant. Natürlich habe ich sowas schon zu hören bekommen. Sogar ein Arzt hat mich gefragt: „Wie haben Sie das denn geschafft?“ Ich weiß natürlich, dass ich an meiner Infektion nicht unbeteiligt war. Ich habe Scheiße gebaut, und ich rede auch deswegen darüber, damit andere Leute nicht den gleichen Fehler machen.

Was für einen Fehler hast du denn gemacht?

Ich habe mich gehen lassen. Bei einem spontanen Internetdate. Wir haben gequatscht, dann hatten wir Sex, und ich bin ein Risiko eingegangen. Wir hatten Sex ohne Kondom.

Viele Menschen würden jetzt sagen: „Wie kannst du nur? Warum kann man nicht vor dem Sex über HIV sprechen und ein Gummi benutzen?“

Weil Sex nun mal nicht immer nach Plan funktioniert. Ich war wirklich jung und dachte, mich könnte HIV nicht treffen. Und es war auch einfach schön so. War mir klar, dass das kein Safer Sex war? Ja, natürlich. Aber großartig Gedanken habe ich mir in dem speziellen Moment nicht gemacht.

Und der andere hat auch nicht nach einem Gummi gefragt?

Nein. Er wusste damals auch nicht, dass er positiv war. Ich finde aber sowieso, dass jeder für seinen Schutz selber verantwortlich ist. Ich hätte das Kondom einfach nehmen können. Niemand hat mich daran gehindert. Meine Infektion ist eine direkte Konsequenz meines Handelns.

Wie bist du mit der Diagnose umgegangen?

Ich habe mich mit der Frage, wer daran schuld ist, nicht lange aufgehalten. Das ändert meine Situation ja nicht. Statt zusammenzubrechen und die Verantwortung ins Außen zu verlagern, habe ich beschlossen, es zu akzeptieren und einfach mit meinem Leben weiterzumachen. Natürlich wäre mein Leben etwas entspannter, wenn ich damals anders gehandelt hätte. Aber daraus zu lernen, ist mir viel wichtiger als die Schuldfrage.

Du bist gerade Single. Wie gehst du denn heute bei Dates mit deiner Infektion um?

Ich spreche das schon während des Chats an, wenn der andere es nicht sowieso tut. Ich sage offen, dass ich positiv bin. Und dann haben sie damit eben ein Problem oder, in den meisten Fällen, auch keins.

So entspannt?

Wenn ich ehrlich bin, macht es mir sogar ein bisschen Spaß, die Menschen damit zu konfrontieren. Viele rechnen nicht damit, dass jemand auf die Frage „Bist du positiv?“ auch einfach mit „Ja, bin ich.“ antworten kann. Die Reaktionen haben manchmal hohen Unterhaltungswert. Es kommen zwar auch mal ein paar unsensible Nachfragen, aber das machen die Leute ja nicht mit Absicht, sondern nur aus Unwissenheit.

Was sind das für Fragen?

Von „Wirklich?“ über „In deinem Alter?“ bis zu „Um Gottes willen, wie hast du dich denn angesteckt?“ Ich meine, wie werde ich mich wohl infiziert haben? Gekrönt wird das Ganze dann ab und zu von einem „Das tut mir alles so leid.“ Da ist es nicht immer so einfach, gelassen zu sagen: „Danke, nicht nötig, mir geht es gut.“ Und dann gibt es noch diejenigen, die mir Vorwürfe machen, oder mich fragen, wie ich denn „mit meiner Schuld“ weiterleben kann.

Mit wie vielen von denen, mit denen du über HIV redest, hast du danach noch Sex?

Ich schätze, mit weniger als der Hälfte.

Nervt das?

Bei denen, mit denen ich dann Sex habe nicht. Einige haben überhaupt kein Problem damit. Bei anderen erkläre ich nochmal, dass meine Therapie auch einen zuverlässigen Schutz für sie bedeutet. Abgesehen davon benutze ich zusätzlich Kondome, weil es ja auch noch andere Sachen gibt, vor denen man sich schützen möchte. Dann sind alle entspannt und man kann guten Sex haben. Ende der Geschichte.

Interview: Paul Schulz